Sauber ist sie die Schweiz. Beschaulich und ruhig. Jeder der mich besucht beschreibt so das Land, in dem ich lebe. Was normalerweise auch zutrifft. Es gibt jedoch auch die Kehrseite, die dunkle Seite der Schweiz. Und sie hat einen Namen. Botellón.

Schlagzeile über Schlagzeile (vor allem in den Bildzeitungsähnlichen, kostenlosen Tageszeitungen „20 Minuten“ und „.ch“) berichtet von den gefährlichen Events und deren regelmässiger, erfolgreicher Verhinderung durch die Schweizer Staatsmacht. Aber was ist ein Botellón? Ein Botellón (span. „grosse Flasche“) ist ein vor allem in Südspanien verbreiteter Brauch unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Diese treffen sich vor dem wochenendlichen Clubbesuch auf öffentlichen Plätzen und betrinken sich. Vornehmlich sind es 1 – 1,5 Liter-Flaschen, gefüllt mit alkoholischen Mixgetränken, die konsumiert werden. Und dies offenbar zuhauf. Dem ein oder anderen werden derartige Szenen bekannt vorkommen, vielleicht auch unter dem Namen „Vorglühen“ aus der Zeit als Student oder Jugendlicher bekannt sein. Eigentlich nicht wirklich schlimm sollte man meinen. Vorausgesetzt, es trinken keine Minderjährigen und der Müll wird ordnungsgemäss entsorgt.

Hier in der Schweiz wird die Angst immer grösser. Vor allem die Angst vor den Macrobotellones. Botellones, bei denen sich offenbar mehrere Tausend Jugendliche über Facebook oder ähnliche Social-Platforms zum Massenbesäufnis verabreden. Das Internet macht’s möglich. Ein riesiger Botellón fand im August in Zürich statt. 7000 Teilnehmer hatten sich für das Trinkereignis mittels Facebook verabredet. Letztendlich erschienen 2000. Gerade fällt mir ein, dass jährlich ein riesiger Botellón in München stattfindet. Wies’n genannt. Botellón mit Bier und für Erwachsene. Bei derartig vielen Menschen unter Alkoholeinfluss auf einem Fleck bleiben Schwierigkeiten in der Regel nicht aus. Ob auf der Wies’n oder in Zürich. So kam es leider zu kleinen Ausschreitungen und einer Menge Müll. 6 Tonnen hinterliessen die Jugendlichen um genau zu sein. Dies hätte nicht sein müssen. Bereits Tage zuvor berichteten „20 Minuten“ und „.ch“ über das geplante Botellón. Inklusive Definition und dem (un)beabsichtigten Hinweis auf die Anmeldemöglichkeit per Facebook. Zuvor dürfte der Begriff unter Schweizer Jugendlichen noch nicht ein mal ansatzweise bekannt gewesen sein.

Am Wochenende war meine neue Heimat St. Gallen an der Reihe. Wieder eine fette Schlagzeile. Das eigentliche Botellón wurde abgesagt, da den Veranstaltern mit finanziellen Konsequenzen gedroht wurde. Nichtsdestotrotz wollten sich 40 Jugendliche in der Stadt versammeln und trinken. Bis auf ein Dutzend erschien niemand. Diese hatten sich nach eigener Aussage aus reiner Neugier bei den eher winterlichen Temperaturen in die Stadt verirrt. Botellón-Gaffer sozusagen. Beobachtet und vor sich selbst beschützt durch die Polizei kam es unter den Jugendlichen zu keinen Ausschreitungen. Ob der Müll weggeräumt wurde weiss ich nicht. Im Grunde passierte nichts. Rein gar nichts.